Jürgen Niggemann
Student und Ansprechpartner für behinderte und chronisch kranke Studierende an der WWU – Münster; Behindertenreferent beim AStA – Uni Münster
1. Welche Ansichten, Absichten oder Aktivitäten entwickelt Deutschland in Bezug auf die Inklusion behinderter Menschen, deiner Meinung nach?
Wie man das im Gesamten sieht, wie sich die Bundesrepublik Deutschland gegenüber behinderten Menschen – ich rede aber nicht nur von Behinderten, sondern auch von chronisch kranken Menschen – verhält, gerade in dem Begriff von Inklusion und Integration: Man kann nicht nur pauschal Menschen in einem Rollstuhl als Behinderten betrachten. Es gibt auch zahlreiche Menschen, die auch an anderen chronischen Krankheiten und/oder Behinderungen leiden, z.B. Autisten oder Diabetiker, wo man die Behinderung und/oder die chronische Krankheit nicht auf den ersten Blick sieht. Z.b. ein Sehbehinderter. Und dort muss man auf diese Frage das antworten, dass unser Land (also die BR Deutschland) da noch nicht so ganz darauf vorbereitet ist, die Gesamtgruppe von behinderten Menschen zu integrieren. Das ist leider immer noch in diesem neuen Jahrhundert ein Ist-Zustand und das muss ich leider bedauern. Denn es geht nicht nur um die Barrierefreiheit, die im Bau von Gebäuden, dass Rollstuhle dort mobil sein können, gewährleistet werden muss, es geht auch um die Integration von Menschen z.B. mit psychischen Erkrankungen. Da muss ich wirklich dazu mal appellieren, dass dort noch viel Handlungsbedarf da ist, gerade insgesamt in unserem Land und nicht nur an dieser Hochschule. Die Sicht in dem Sinne sollte sich erweitern. Man sollte sich fragen, was für Arten von Behinderungen gibt es denn überhaupt? Viele Institutionen aber auch viele Gesellschaftsschichten in diesem Land, aber leider auch in Europa beschränken sich immer nur darauf, wenn es darum geht, wenn einer als Behinderter eingestuft wird: „Ach, das ist ein Rollstuhlfahrer“. Das ist viel zu wenig. Und da sollte es eigentlich in diesem Land viel mehr erweitert werden.
2. Welche Werte bedingt und beinhaltet die Inklusion?
Ich würde da auch Prioritäten setzen, gerade im Bereich der Bildung. Dass dort auch schon im Kindergartenbereich, aber auch in der Schule, von dort dieser Begriff durchgesetzt werden sollte. Aber auch wirklich Schaffen durchgesetzt werden sollte. Ich sehe häufiger immer noch, dass es Situationen gibt, wo jemand, der eine bestimmte Behinderung hat, aber ansonsten intelligent ist, nicht am normalen Schulalltag teilnehmen kann. Weil z.B. die Schule nicht barrierefrei ist in dem Sinne. Wie sie das immer wieder kritisieren. Später, wenn man an einer Hochschule oder innerhalb einer Berufsausbildung ist, ist das gleiche Problem immer noch präsent. Und das ist auch eine Sache, die wir als AStA kritisieren an dieser Hochschule – Universität Münster. Ich selbst kann dazu sagen, wir bemühen uns als AStA als autonomes AStA Behindertenreferat um eine möglichst weitgehend barrierefreie Universität Münster. Ob wir das 100% hinkriegen, bleibt dahingestellt, aber wir haben fast bis 95 % schon einiges an positiven Ergebnissen erzielen können. Gerade bei der Integration von behinderten Menschen in dieser Bildungspolitik. Allerdings der Handlungsbedarf, der dort noch zu bewältigen ist, ist weitaus größer, denn wie gesagt: der Staat und das Land NRW und die Kommune muss auch mal da ansetzen an der schulischen Ausbildung, an der Allgemeinbildung. z.B. dass dort auch psychisch-kranke Kinder, oder verhaltensauffällige Kinder besser integriert, besser inkludiert werden können. Beispiel: Autisten, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom) – und das ist manchmal auch eine sehr kleine Gruppe, aber sie ist doch präsent. Man kann nicht pauschal immer sagen, ein Behinderter sitzt immer nur im Rollstuhl. Das ist falsch und daran sollte man arbeiten.
3. Was ist wirklich die Inklusion? Was versteht man unter dem Begriff Inklusion?
Inklusion – zusammen in/mit einer Gesellschaft verwachsen, integriert zu werden. Ich würde das mit Integration interpretieren. Unter Integration kann ich mir etwas mehr vorstellen. Ich würde sagen, dass jemand, der die Gesellschaft sucht, dass er in der auch einen Platz findet. Wir wollen uns nicht nur auf Vorurteile beschränken, sondern wir wollen uns wirklich auf alle Menschen konzentrieren, auf die Person, das Individuum. Dass dort eine Gruppe ist, eine Gesellschaft z.B.. Wir wollen, dass die Stadt Münster oder das Land NRW sagt, oder in Deutschland gesagt wird: Wir akzeptieren dich, so wie du bist, akzeptieren deine Makel, Unterschiede, Defizite, deine Behinderung, deine chronische Krankheit. Und grenzen dich nicht aus. Und ich denke mal, das sind wir – jeder Bürger ist hier eigentlich dazu verpflichtet – schuldig, weil wir hier in einer Demokratie leben!
5. Welche Ziele und Normen will Deutschland auf diesem Gebiet erreichen. Welche Politik verfolgt Deutschland?
Eine wirklich hervorragend gut gestellte Frage! Und diese ist auch angebracht. Ich kann jetzt natürlich, leider in Berlin den Leuten nicht in die Köpfe gucken, Gedanken lesen. Das ist die Sache, die ich noch studieren sollte, würde ich gerne machen können (lacht).
Zur Zeit läuft ja gerade aktuell, eine sehr präsente Debatte in Berlin. Wir haben die Wirtschaftskrise, die unmissverständlich, unbeschreibbar da ist. Wir haben aber auch die Gesundheitsreform, wo sich auch zur Zeit die Bundesregierung uneins ist. Und dort müssen sich mal auch die verantwortlichen Minister und Ministerinnen, auch unsere Bundeskanzlerin, an einem Tisch setzen und nicht bloß sagen, wir kürzen willkürlich bei denjenigen, die am wenigsten haben, nämlich bei den sozial Schwachen, denn so geht es nicht weiter. Man muss wirklich schauen, wo kommt das meiste Kapital her? Um deine Frage zu beantworten, natürlich sollten sich da auch die Regierenden, die wir auch haben in unserer neuen Landesregierung in NRW, sich für solche Themen verantwortungsbewusst zeigen. Dies bedeutet, dass Entscheidungen getroffen werden müssen auch in diesem Bereich. Integration und Inklusion von Menschen, keine Ausgrenzung und dass man da auch solche Sachen als Prioritäten setzen sollte und auch in Koalitionsverträgen. Da sind wir auch keinen Schritt weiter. Ich kann jetzt keine Kristallkugel aufstellen. Aber ich richte diesen Appell an Politiker aller demokratischen Parteien, unabhängig welcher Couleur die sind, unabhängig in welchem Landtag, im Bundestag, oder aber in welcher Kommune diese verantwortlichen Politiker da sitzen. Ich sage: Das, was wir machen, ist überparteilich, demokratisch, und das sage ich auch noch dazu: Es sollte mehr Inklusion in der Tagespolitik stattfinden! Unsere Demokratie ist ein Mannschaftssport!
6. Welche Zusammenarbeitsformen werden zu diesem Zweck empfohlen und praktiziert?
Ich könnte mir vorstellen, dass man z.B., um einen Anfang zu wagen, dass Institutionen, wie z.B. die Hochschulen, wie wir das hier sind, wie das auch die FH Münster ist; dass wir eine Verbindung suchen zur Tagespolitik, dass wir einmal die jeweiligen Landtagsabgeordneten, oder die Bundestagsabgeordneten, unabhängig ihrer Fraktion, dass man dort mal das Gespräch sucht.
(Da können wir quer durch die Bank gehen, alle Fraktionen, die hier in Münster vertreten sind.) Dass man dort das Gespräch sucht. Dass man denen sagen kann, ihr seid von uns gewählt worden (in den Bundestag oder in den Landtag oder in den Stadtrat) Dann reden wir mal gemeinsam miteinander und nicht bloß übereinander. Und das kann man überparteilich machen, jemanden mal aus der CDU aus Münster einladen, vielleicht einen aus der SPD, Grünen, FDP und dass wir dort das gemeinsame Gespräch suchen.
7. Braucht Deutschland eine Pädagogik der Inklusion?
Ich überlege gerade, wie der Sinn dieser Frage sei? Ich würde sagen: Das wäre sicherlich sehr sinnvoll. Wenn man gerade Pädagogik nimmt, ist ja bloß nicht nur ein Studienfach. Nehmen wir an, es geht nicht um die Ausbildung von Lehrkräften, sondern auch um Wissensvermittlung an Schülerinnen und Schülern. Und dort ist es ja auch eigentlich notwendig so etwas zu machen, denn ein Lehrer zu sein, ist immer noch kein beliebter Beruf. Nicht immer ein beliebter Beruf würde ich mal so sagen. Und dass man dort das Ansehen von Pädagogen etwas höher nimmt und sagt, das sind Leute, die verantwortungsbewusst vorgehen, aber dass dies auch ein bisschen das Ausbildungsniveau besser macht. Dass aber auch die Schulen wieder attraktiver werden. Dass man da sagen kann, wir kümmern uns auch um Einzelfälle. Und das kann alles nicht mehr pauschalisiert werden. Es kann kein 0815-Studium mehr geben, das Lehrer mehr ausbildet in bestimmten Fächern. Das kann auch keine 0815-Schulen mehr geben, die in dem Sinne dies durchführen. Es ist aber leider immer noch so in NRW. Dies über einen Kamm zu scheren, das ist sehr 0815. Dass jemand in der Grundschule eine 4 in Mathe hat und der wird gleich in die Hauptschule geschickt. Dass jemand eine 3 hat und der wird in die Realschule geschickt, zwingend. Und alles, was darüber ist, streitet sich um Gymnasium oder um Gesamtschule. Ich denke, sinnvoller ist eine einheitliche Schulform ab der fünften Klasse, wo aber mehr Transparenz gebraucht wird. Es ist sicherlich auch mal sinnvoll, dass auch verschiedene Charaktere aber auch verschiedene Mentalitäten aufeinander treffen. Und zusammen mal etwas auf die Beine stellen, dass nicht mehr so klassifiziert und pauschalisiert wird. Wir wollen keine Mehrklassengesellschaften. Das ist ein Relikt aus Kaisers Zeiten, das sollten wir in einer modernen Demokratie eigentlich nicht haben.
Pädagogik als Fach oder als Wissensbildung in Form von Aktionen usw. ?
Der Mensch sollte eigentlich bewusst lernen, sich mehr sozial und kritisch zu verhalten, nicht bloß als Lemming oder als Androide oder als Roboter zu funktionieren. Denn man hat seine eigene Meinung, und seinen eigenen Charakter und das sollte auch im Unterricht gefördert werden. Dass nicht alles pauschalisiert werden sollte. Wir sind hier nicht im Sozialismus! So habe ich z.B. meine Grundschulzeit vorgefunden. Und das sollte man aber auch an den Hochschulen vermitteln: “Ihr Leute, die ihr auch Lehrer werden wollt, es ist nicht nur das Fachwissen, dass ihr in Deutsch oder in Mathe vermitteln müsst, sondern es ist auch Menschenkenntnis”, so etwas. Das ist ja diese Didaktik, Pädagogik an sich, was mit Pädagogik auch gemeint wird. Ich bringe einem Kind nicht Mathe bei, weil ich ihm Fallen stellen will, aber ich muss auch wissen, dass dieses es verstehen kann. Dass 2 Euro plus 2 Euro gleich 4 Euro sind, kann es lernen. Aber, dass es billiger ist, Brötchen zu kaufen für 3 Euro als für 5 Euro, sollte man dabei auch vermitteln. Dass da auch ein anderer Hintergrund dahinter steht. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir! Um kurz auszuholen, da habe ich gutes Beispiel: Als ich in der Grundschule war, konnte ich schon in der ersten Klasse recht gut lesen. Auch in Mathe kam ich gut zurecht. Der damalige Lehrer hat das irgendwie nicht verstanden. Er meinte, die Kinder gucken viel zu viel Fernsehen, selbst Sesamstraße und Löwenzahn waren ihm suspekt, obwohl diese im Vergleich mit anderen Kindersendungen auch seriöse Sendungen sind. Waren angeblich zu viel, so eine Art Reizüberflutung. Und dann wurde dieser Fernsehkonsum kritisiert, sogar meinen Eltern wurde das präsentiert, als eine Art Makel. Aber ich habe das damals schon nicht gut gefunden und heute habe ich zu diesen Leuten (ehemalige Lehrer aus dieser Zeit) keinen guten Draht mehr und bis heute immer noch. Und da hat auch das Ausbildungssystem in der Hochschule, die damalige neoliberale Pädagogenausbildung aus den 68er Jahren, völlig versagt! Heutzutage muss man umdenken. Wir haben heute eine Gesellschaft, die wirklich mehr Integrität auch nach außen mehr hin auch Inklusivität, auch bei den Pädagogen und Lehrern, vom Kindergarten über die Grundschulen bis zum Schulabschluss benötigt. Das sind alles junge Menschen, die wollen nicht nur gefordert werden, sondern auch gefördert werden. Jemand macht z.B. Biologie Leistungskurs. Vielleicht, weil er sich einfach für Biologie interessiert, vielleicht will er auch später Mediziner werden. Und bei den Ökonomen ist die Mathematik Pflicht. Denn da kann man das Nützliche mit dem Pflichtbewussten verbinden. So etwas sollte auch schon früh in der Schule gefördert werden!
8. Wird die Unterschiedlichkeit der Menschen als Last oder als Chance für das Zusammenleben in der globalen Welt empfunden?
Ich würde das sehr relativ sehen (in der globalen Welt). Weil es immer noch Staaten und Gesellschaftsformen gibt, die so etwas ohnehin nicht zulassen. Beispiel, wenn ich in die Türkei oder in ein anderes islamisches Land fahre, habe ich manchmal das Risiko, wenn ich meine Religion dort irgendwie veröffentliche, dass es dann zu Repressalien kommt. Das ist zur Zeit an der Tagesordnung. Ich habe gestern z.B. gesehen, wie in Somalia ein Mann gesteinigt worden ist, weil er mit einer anderen Frau fremdgegangen ist. Solche barbarischen Geschichten. Ich denke, da muss die globale Gesellschaft noch viel lernen. Wir hier in Deutschland, wir müssen unsere Demokratie weiter vorantreiben, was hier integrativer ist. Auch gegenüber Behinderten, aber auch gegenüber Migranten. Also da haben wir auch noch einiges zu lernen. Und auch gegenüber chronisch-kranken Leuten, wo man auf dem ersten Blick nicht sieht, dass dort eine Krankheit vorliegt. Und da gibt es so viele Beispiele, die man noch nennen kann, aber das würde den Rahmen so ein bisschen sprengen. Ich würde einfach mal sagen, die Leute die dafür Verantwortung übernehmen wollen, können oder sollen, die sollten mal so ein bisschen in sich gehen und das auch machen. Erstes Appell geht an die Bundesregierung, aber auch an Politiker, die uns hier vor Ort vertreten. In Münster. Wir haben ein Mitspracherecht als Bürger aber auch ein Wahlrecht. Und deswegen, habe ich ja schon gesagt, vielleicht am runden Tisch mit Lokalpolitikern. Oder aber auch Vernetzung mit den anderen Hochschulen, es kann nicht schaden, auch mal an anderen Universitäten nachzufragen. Es gibt auch Integrationsbeauftragte, oder auch Gleichstellungsbeauftragte und jeweils auch ein Autonomes Referat im AStA, das ausländische Studierende oder Behinderte bzw. chronisch kranke Studierende vertritt. Deswegen vielleicht an jede Hochschule eine ganz konkrete Forderung formulieren: Wir wollen hier etwas aufbauen. Wir wollen hier eine Inklusion vornehmen, wir wollen aber auch hier eine Integration vornehmen, dass Menschen nicht ausgegrenzt werden, unabhängig davon, ob eine Behinderung oder eine chronische Krankheit oder ob ein Migrationshintergrund vorliegt.
9. Wie können wir die Unterschiede im pädagogischen Denken und im Umgang mit Unterschieden beschreiben. Welche Kurzformel (außer unserer : Wir sind für uns in Europa) wird uns einfallen?
Da muss ich leider anmerken, dass ich in diesem Bereich nicht so bewandert bin oder überhaupt nicht bewandert bin. Ich appelliere noch mal einfach an die Leute, die in der Verantwortung sind, die als Lehrer arbeiten. Dass sie sich fragen: Ist das, was ich mache, das richtige für mich? Oder aber kann ich meine Leistung, mein Verhalten, meine allgemeine Einstellung (also kein schwarz-weiß Denken) verbessern oder vertiefen? Es gibt nicht, für jemand der schwarz-weiß denkt, behindert oder nicht behindert, dass ist einfach zu wenig. Man muss gucken, auch nicht jeder Behinderter sitzt gleich im Rollstuhl. Der eine ist vielleicht hyperaktiv, der andere hat Diabetes oder so. usw. Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten. Oder der andere ist Moslem und hat verschiedene andere Prioritäten. Ich denke mal, da sollten alle Pädagogen, alle Lehrkräfte mal schauen, ob man da nicht Barrieren abbauen kann! Auch im Kopf! Diese Barriere befindet sich im Kopf! Geht es da um die eigene Verantwortung, um das eigene Bewusstsein? Der Pädagoge gilt als Vertrauensperson, als Vorbildfunktion, dass dort auch eine Breite von Wissen wiedergegeben wird, ist selbstverständlich, aber er hat auch Verantwortung für seine Schüler zu übernehmen. Wenn man da als Stufenleiter oder als Vertrauenslehrer ist und daraus Barrieren im Kopf abbauen kann. Der Pädagoge muss einiges als Didaktik dazu lernen. Ansonsten, am Fachwissen gemessen werden immer Lehrer gebraucht . Wir haben zu wenig Mathematiklehrer, zu wenig Informatiklehrer. Fachwissen ist da. Aber die Frage ist, wie vermittele ich das den Jugendlichen. Das ist wiederum eine andere Frage, die man nicht unmittelbar an der Universität vermittelt bekommt, sondern man muss sie sich eigentlich in der praktischen Arbeit stellen. Dafür gibt es das Schulpraktikum, dafür gibt es die Referendariatszeit. Sonst könnte ja jeder kommen, und da hätten wir dann solche Verhältnisse, wie in den USA z.B. dass man mit kugelsicherer Weste zur Schule gehen muss. Und so was wollen wir hier sicherlich nicht haben. Meine Erfahrung ist die, die ich ungefähr vor 15 Jahren an meiner Schule gemacht habe. Dazu hat sich jetzt schon einiges geändert, aber, was ich so gesehen habe, muss ich ehrlich sagen, es hat sich nicht viel geändert. Es muss sich noch einiges ändern. Dass z.B. heute debattiert wird, ob eine Lehrerin Kopftuch tragen muss, oder nicht. Diese Lehrerin wird daran gehindert, ihre Religion auszuüben. Dass wir es immer noch nicht hinbekommen haben, muslimischen Religionsunterricht in der Oberstufe zu vermitteln. Es gibt immer nur noch evangelisch und katholisch – zu wenig ist das. Wir hatten damals als einzige Alternative Literatur. Jemand wird bewusst vom Religionsunterricht ausgeschlossen. Oder die Fächerwahl fürs Abitur, die Qualifikationsfächer. Heutzutage ist das streng nach Normen geregelt. Damals konnte man Leistungskurse wählen, aber wenn da zu wenig Leute für den Kurs da waren, wurde der L- Kurs gestrichen. Mathe war bei mir gesetzt, Deutsch war auch gesetzt. Ich hatte Erdkunde als 4tes Fach und Musik als Drittfach, deswegen, sage ich dir das. Wenn ich da heute noch mal wählen dürfte, würde ich Erdkunde streichen, und Informatik als 4tes Fach nehmen. Damals waren die Interessenten für Informatik herzlich wenig und es ist immer noch so verschrien, wie dieses Wissenschaftsfach beurteilt wird. Ihr sitzt nur vor dem PC und seit auf LAN-Partys – das stimmt aber gar nicht. Das ist auch eine Barriere, eine von vielen, die sich im Kopf abspielen, die auch den Beruf des Pädagogen und des Lehrers betreffen. Und da sollte die Barriere fallen. Meine Erfahrung zeigt es. Die dort eigentlich selten kompetenten neoliberalen Pädagogen sollten aus dem Schulsystem entfernt werden. Stattdessen sollten wirklich Leute, die das gelernt haben, mit gutem Gewissen studiert haben, eingestellt werden! Ist die Erziehung in der Familie auch nicht wichtig in diesem Sinne? Eine richtig gut gestellte und berechtigte Frage. Natürlich kann man die Verantwortung als Erziehungsberechtigter, als Elternteil nicht einfach abwälzen, nach dem Motto: „Jetzt geht mein
Kind in die Schule, also mache ich gar nichts mehr.“ Ganz im Gegenteil! Natürlich muss die häusliche Erziehung die erste Geige spielen. Das ist ein Kind, das hat erziehungsberechtigte Eltern. Und da kann man das nicht einfach abwälzen. Die Schule dient erstmal dazu, Wissen zu vermitteln. Aber das muss sich beides zusammen ergänzen können. Das eine ergänzt, unterstützt
das andere. Es fängt ja damit an, dass das Kind in der Familie groß wird und dann in den Kindergarten kommt oder in vergleichbare Einrichtungen. Bei uns gab es den evangelischen Kindergarten und einen katholischen Kindergarten. Die ersten islamischen Kinder, die ich kennen gelernt habe, habe ich im ersten Schuljahr kennen gelernt. Ja das war der erste Aha-Effekt, dass wir in einer Multikulti- Gesellschaft leben. Das was 1984. Wir müssen uns heute, gerade jetzt in der neuen Zeit, müssen wir uns neu orientieren.
10. Unterschiedlichkeit der Menschen – ist sie unerwünscht in unseren Ländern? Wann und warum werden wir abgegrenzt? Hat man Angst?
Ich denke mal, es besteht ein gewisses Potenzial an Verständnis. Natürlich! Gegenüber den Behinderten Menschen, natürlich. Es werden Rampen gebaut, es werden neue Rollstuhle, es werden verschiedene Einrichtungen angeboten. Selbsthilfegruppen, natürlich für chronisch-kranke. Das ist natürlich da. Das ist Verständnis, was allerdings letztendlich auch vom Staat verordnet ist. Es steht auch im Grundgesetz drin, niemand darf wegen seiner Behinderung diskriminiert oder benachteiligt werden. Artikel 3 des Grundgesetzes. Das meine ich jetzt, ist vom Staat gewollt und verordnet worden. Deswegen ist das vorhanden. Ansonsten, was darüber hinausgeht, ist so eine Art Toleranz. Man wird zwar wahrgenommen und irgendwie integriert, aber viele Leute sagen immer noch, ach ja lass den mal machen, oft wird einfach weg geschaut, einfach weg geschaut. Man will zwar dem Rollstuhlfahrer helfen oder der hilflosen älteren Frau helfen, die schwere Tasche die Treppe hochzutragen. Aber schau dir mal an, wie viele Leute doch eigentlich nur widerwillig mitmachen, wenn man mal am Bahnhof Münster steht. Oder mal auch dort schauen. Das sind alles Einzelbeispiele, und das ist nur die Spitze des Eisberges, den man so in dieser Gesellschaft sieht.
Und die Ignoranz ist manchmal ein bisschen zu groß, was eigentlich nicht sein soll. Es ist aber leider so. Auch wenn man selbst, wo man gegenüber dem anderen nicht erkennt, was das für eine Krankheit ist, die der Mensch hat, ist es besonders schwierig. Man muss das erstmal erklären. Und ansonsten denkt man sich, wie verrückt ist der denn jetzt. Da gibt es so ein breites Spektrum. Ich würde sagen, es ist halb so, halb so. Wo es gewollt ist von der Gesellschaft, was auch der Staat sagt, wir integrieren jetzt hier Diabetiker in einer Selbsthilfegruppe. Klar, die sind da. Aber wenn der Nachbar jetzt z.B. Multiple Sklerose hat und man kennt ihn nur flüchtig und sagt nur auf dem Flur „Hallo“, und das ist irgendwie so gemeint wie: Ach ja ich habe ja mein eigenes Soziogramm, eigentlich wird das jetzt gar nicht so wahrgenommen, das ist einfach schade. Von daher muss man da einiges mehr intervenieren!
11. Dürfen wir sagen, dass jemand, der Unterschiedlichkeit als Normalität erlebt, geht noch einen Schritt weiter?
Ich würde mal sagen, es kommt darauf an, auf welche Sichtweise man das sieht. Wenn man selbst behindert ist, hat man natürlich auch das Bedürfnis wahrgenommen zu werden. Jeder von uns natürlich. Wenn man nicht behindert ist, und irgendwie eine Art soziales Gewissen hat, oder auch eine Einstellung hat anderen Menschen gegenüber Engagement zu zeigen, da kann man sagen, ja kein Problem: Wir sind Menschen, wir sind alle gleich. Und wir akzeptieren das, dass jemand eine Einschränkung hat und akzeptieren es, so wie es ist. Das ist auch so ein Punkt, wo nicht alle Menschen so denken. Man kann ja auch sagen, eine Behinderung ist nun mal unumgänglich, kann man nicht wieder rückgängig machen. Einer, der z.B. einen Motorradunfall gehabt hat, und dann im Rollstuhl sitzt z.B. das ist auch eine tragische Geschichte. Oder wenn er an dem Unfall schuld ist, ja muss man gucken, da hat er Pech gehabt. Es gibt ja Leute die bewusst schneller fahren, das sind auch wieder so Grenzfälle, wo man die Hintergründe erstmal erfahren muss. Und dann sagen kann, ja Leute, schaut euch eure Mitmenschen genauer an, und es sind Menschen, wie du und ich und eigentlich sind wir nicht nur vor dem Grundgesetz alle gleichgestellt sondern müssen auch in
den Köpfen diese Mauern und Barrieren wieder mal abbauen. Es kann nicht sein, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Und da sollte auch schon mehr demokratisches Denken in unserer Gesellschaft dastehen. Auch global gesehen, dass alle Menschen sich auf dieser Erde auf diese Art begegnen. Weder religiöse noch politische Hintergründe sollten so etwas behindern. Wir können darüber zufrieden sein, dass wir in Deutschland seit über 60 Jahren eine Demokratie besitzen. In den neuen Bundesländern auch schon seit 20 Jahren. Dort sind wir zwar ganz am Anfang, aber wir können es in den nächsten Jahren besser machen!
12. Brauchen wir einen Perspektivwechsel, der über die Inklusion hinausgeht?
Selbstverständlich, Ja! Ich habe das auch schon gesagt. In vielen Menschen existiert die besagte Mauer im Kopf. Dass sie nicht nur voneinander getrennt werden, abgegrenzt werden als West und Ostdeutsche, nur weil es andere Dialekte gibt, dass diese mentalen
Barrieren, wenn ich das so mal sagen darf, dass diese Mentalmauer abgebaut wird. Diese Vorurteile, die immer kursieren, dass die mal verschwinden. Wir können sagen, man kann jedoch an sich selbst anfangen zu arbeiten, für sich selbst was machen. Es sind ja unterschiedliche Behinderte, die andere Behinderte weit unterschiedlich wahrnehmen. Z.B. der Querschnittsgelähmte zusammen mit einem Hör- oder Sehbehinderten. Man sollte Vorurteile abbauen und mehr miteinander denken!
13. Was verbindet Menschen mit Behinderung?
Miteinander denken! Ich meine, wir bieten das hier an, wir suchen Unterschiede, wir suchen Selbsthilfegruppen, wir bieten aber auch Projekte an. Z.B. ein Autist, das kann jemand sein, der diese Behinderung seit seiner Kindheit hat, oder aber jemand leidet am so genannten Asperger – Syndrom. Das sind verschiedene Arten von Autismus. Auch gerade bei den Körperbehinderungen,
da gibt es auch so ein breites Spektrum. Untereinander sollte man sich einmal austauschen in Selbsthilfegruppen, in Workshops, vielleicht auch in gemeinsamen beruflichen Projekten. Letztes Jahr hatten wir Epilepti-Happy, das ist ein Landesprojekt, was Epileptiker miteinander vernetzen soll, um ihnen auch eine Integration ins Berufsleben zu ermöglichen. Man muss das auch
bedenken, es gibt immer noch ein Leben nach der Ausbildung, nach dem Studium! Und das möchten wir damit unterstützen, indem wir gemeinsame überregionale Workshops anbieten und daran teilnehmen. Z.B. am Projekt „Autworker“, ein Förderprojekt für Autisten, die den Weg vom Studium, oder der Ausbildung oder der Schule in das Berufsleben suchen, und dabei Unterstützung
benötigen. Das ist auch ein Angebot für verhaltensauffällige Menschen, wenn man das so ein bisschen neutraler ausgedrückt sagen kann. Die Diagnose ist ja manchmal nicht so eindeutig, weil dort die Medizin noch nicht so weit ist. Und einige Leute denken immer noch mit den mentalen Barrieren. Nach dem Motto: Was nicht sein kann, das nicht sein darf! Ausserdem sollte so eine Verständigung nicht nur bei möglichst vielen Menschen stattfinden, sie sollte auch generationenübergreifend sein. Denn es gibt immer noch zum Teil ältere Menschen, die das nicht so ganz verstehen können. Ich kann mich zumindest aber heute mit älteren Leuten ganz normal unterhalten, weil es zum Teil Menschen sind, die auch teilweise ein besseres Demokratieverständnis haben. Zu den geplanten Projekten und Workshops: Diese berufsbegleitenden Maßnahmen bieten wir auch in Zusammenarbeit mit der Stadt Münster an, dass wir dort auch Leute in das Berufsleben integrieren können. Das wäre dann der nächste Schritt. Gesellschaftliche Integration, Inklusion, aber auch ein Weg ins berufliche Leben, in die berufliche Gesellschaft zu finden. Dass beispielsweise, wenn jemand für eine Firma arbeiten möchte, gesagt werden kann: „Ja gut, er hat ein Defizit , aber er hat auch Fachwissen und Kompetenz. Und Leute, es ist für uns nicht schlimm, es bricht uns auch kein Zacken aus der Krone, wenn wir ihn mal auf Probe einstellen.“ So etwas machen wir dann auch mit, und da hat auch die Stadt Münster Interesse im Bereich Integrationskonzepte, daher auch die gemeinsame Zusammenarbeit mit der Stadt Münster. Da gibt es dann auch Fachleute, Fachpädagogen, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, die das auch einmal gerne diskutieren wollen. Dass auch einmal die mentale Barriere des „Nicht-Wissens“ bearbeitet werden kann und auch die Information weitergeleitet werden kann. Motto: „Wir sind die Stadt Münster, wir kümmern uns auch um euch“. Und wir als AStA geben das natürlich auch an die Studierenden hier weiter. Wir sind da auch in der Verantwortung als Studierendenvertretung für alle Studierende und das ist unser Netzwerk. Und wir machen dies mit Begeisterung!
14. Was wünschst du dir in Bezug auf die Inklusion in Zukunft?
Ganz einfach: Das Schubladen-Denken muss weg! Die mentalen Barrieren auch! Das bedeutet ein neues Miteinander. Toleranz und Akzeptanz sind angesagt. Jeder Mensch ist anders, aber trotzdem nicht gleich deswegen dritte Klasse oder minderwertig oder so. Das sollte dem Menschen schon im Kleinkindesalter vermittelt werden. Weil Kinder das anders so nicht begreifen können. Dass auch dort schon die Erzieher im Kindergarten verantwortlich sind, aber auch erfahrene Pädagogen, auch die Lehrer in der Schule später , dass sie die Verantwortung auf sich nehmen, denn dafür wurden sie ja ausgebildet. Das muss auch schon in der Familie anfangen. Die Eltern, – die Erziehungsberechtigten sag ichmal, ganz paradox – aber auch Tanten, Onkel, ältere Geschwister und Großeltern sollten sich auch so einer Verantwortung bewusst werden! Ein Kleinkind oder ein heranwachsendes Kind ist keine Sache, ist kein Spielzeug, sondern ein Lebewesen! Die Eltern, auch wenn diese junge Eltern sind, müssen sich dieser Verantwortung bewusst werden! Wenn ich heute schon sehe, dass 15Jährige schon Kinder bekommen – ich bin zwar nicht katholischund bin auch nicht der Papst – aber das ist unerträglich, dass dort noch nicht einmal die soziale Absicherung in der eigenen Familie stattfindet und noch nicht einmal von der Kommune, der Stadt oder der Gemeinde Unterstützung kommt. Das sind selbst noch Kinder und Minderjährige, und es ist offensichtlich, dass so etwas über kurz oder lang über die Wupper gehen kann. Wenn sich schon dort die Familie nicht verständnisvoll zeigt, dann kann das nicht gut gehen. Von diesen verordneten Zwangsehen einmal ganz zu schweigen. Das ist auch in gleicher Weise unerträglich, vor allem, dass dort religiöse Ideale missbraucht werden. Für die Inklusion in Zukunft ist es das beste, dass man nicht im Sozialbereich kürzen sollte, sondern man muss es von dort anpacken , wo die Probleme sind. In der Schule, in den Familien, im Kindergarten usw. Denn die Kinder von heute sind die Dienstleister von morgen! Und natürlich auch die Wähler von morgen! Der Appell geht also auch an die Regierenden hier in Deutschland: „Liebe Politiker in Berlin und Düsseldorf, unabhängig eurem parteipolitischen Couleur. Ihr seid
Demokraten, ihr seid vom Volk gewählt und es ist auch eure Verantwortung! Die Kinder von heute sind die Steuerzahler und Wähler von morgen. Merkt euch das ! Demokratie ist ein Mannschaftssport!“ Und genau dieser Appell ist sicherlich zu dieser Zeit einmal angebracht und es ist notwendig, ihn auch einmal auszusprechen.










28/09/2011 um 3:47 nachmittags
[...] Юрген Нигеман>>> http://europajugend.wordpress.com/2010/08/10/1/ [...]
14/02/2011 um 12:11 vormittags
[...] Jürgen Niggemann>>> http://europajugend.wordpress.com/2010/08/10/1/ [...]
16/08/2010 um 4:30 nachmittags
Hervorragender Artikel. kompetenter Interviewpartner…
Man kann nur hoffen, dass dieses Interview auch dahin gelangt, wo es gebraucht wird. Nämlich in die Kommunen und in die Wirtschaft!
Dafür die besten Wünsche aus der Manager Gewerkschaft